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Die Steine — Eine Legende

Zwei Frauen kamen einmal zu einem Greise und baten ihn um Rat und Belehrung. Die eine hielt sich für eine große Sünderin. Sie hatte in jungen Jahren Ehebruch begangen und konnte seitdem keinen inneren Frieden mehr finden. Die zweite Frau dagegen hatte sich ihr Leben lang wohlverhalten und kein Gesetz übertreten, sie konnte sich keine besondere Sünde vorwerfen und war mit sich zufrieden.

Der Greis fragte die beiden Frauen über ihr Leben aus. Die erste gestand ihm mit Tränen ihre große Sünde. Sie hielt diese für so groß, dass sie nicht mehr hoffte, Verzeihung zu finden; die zweite Frau aber erklärte, sich keiner besonderen Sünde bewusst zu sein. Da sagte der Greis zu der ersten Frau:
„Geh hin, Dienerin Gottes, geh hinter den Zaun, such dir dort einen Stein aus, so groß, wie du ihn nur tragen kannst, und bringe ihn mir hierher. — Du aber“, wandte er sich an die, die sich keiner schweren Sünde bewusst war — „bringe mir gleichfalls Steine, so viele du nur tragen kannst, aber lauter kleine.“

Die beiden Frauen gingen und führten den Befehl des Greises aus. Die eine brachte ihm einen großen Stein, die andere aber einen Sack voll kleiner Steine.
Der Greis sah sich die Steine an und sagte:
„Jetzt tuet also: tragt die Steine zurück, legt sie auf dieselbe Stelle, wo ihr sie hergenommen habt, und kommt dann wieder zu mir.“

Die Frauen entfernten sich, um den Befehl des Greises auszuführen. Die erste entdeckte bald die Stelle, wo sie den Stein gefunden hatte, und legte ihn auf seinen Platz zurück; die zweite dagegen konnte sich durchaus nicht erinnern, wo sie all die kleinen Steine hergenommen hatte, und kehrte mit dem Sack zu dem Greise zurück, ohne seinen Befehl ausgeführt zu haben.

„Siehst du, das gleiche pflegt auch mit den Sünden zu geschehen“, sagte der Greis. „Du hast den großen schweren Stein mühelos an seinen früheren Platz legen können, weil du dich erinnertest, woher du ihn genommen. — Du aber konntest es nicht, weil du nicht mehr wusstest, wo du all die kleinen Steine hergenommen hast.
Nun, dasselbe gilt mich von den Sünden. Du dachtest ständig an deine Verfehlung, littest unter den Vorwürfen der Menschen und deinen Gewissensbissen, wurdest demütig und hast dich so von den Folgen der Sünde frei gemacht. Du aber“ — mit diesen Worten wandte sich der Greis an die Frau, die die kleinen Steine zurückgebracht hatte — „hast dir nur geringe Verfehlungen zuschulden kommen lassen, die dein Gedächtnis nicht belasteten und in dir keine Reuegefühle hervorriefen; so hast du dich an ein sündhaftes Leben gewöhnt, und während du die Verfehlungen deiner Mitmenschen verdammtest, hast du dich selbst immer tiefer in deine eigene Schuld verstrickt. — Wir alle sind Sünder, und wir alle werden zugrunde gehen, wenn wir uns unserer Sünden nicht bewusst werden und keine Reue über sie empfinden.“

(aus: Leo N. Tolstoi, Volkserzählungen und Legenden, Berlin: 1947, 305f.)

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