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Fragen bringen immer wieder neue Fragen hervor. Dieser Tage erreicht mich folgende, eine irgendwie typische für die Fastenzeit, die gar nicht so einfach ist:

In einer Predigt sagte ein Priester letzte Woche etwas, was mich sehr berührt hat: Wenn Gott die Menschen nicht „nur“ liebt, sondern gleichsam DIE Liebe schlechthin ist, beten wir dann nicht allzu oft Unnötiges bzw. Sinnloses? Denn wenn Gott uns wahrlich derart liebt, wird er uns dann unsere Verfehlungen nicht verzeihen?? Ja, wenn wir merken, dass wir gefehlt haben, sollten wir Gott im Gebet dafür um Vergebung bitten; von mir aus in der Beichte „Entschuldigung“ sagen.
Aber scheint es vor diesem Hintergrund nicht etwas abstrus und paradox, dass wir in Gott die unendliche Liebe sehen sollen, aber seit Jahr und Tag beten, er solle uns ein milder Richter (!) sein?! Führt das nicht zu einer enorm angstbeladenen Form des Glaubens?

„Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,8), daran gibt es für uns gar keinen Zweifel. Davon sind wir nicht nur überzeugt, weil es eben so im ersten Johannesbrief steht, sondern weil das für uns der Kern von Jesu Leben und Tod ist. „Jesus ist die fleischgewordene Sehnsucht Gottes nach dem Menschen“, hat Kardinal Meisner kürzlich in einer Predigt sehr eindrücklich formuliert. Vor diesem Hintergrund: machen wir uns da nicht zu viele Gedanken um die Barmherzigkeit Gottes? Können wir dann nicht automatisch davon ausgehen, dass er uns alles vergibt? – Dagegen steht dann in einem der Paulusbriefe folgender Satz: „müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil“ (Phil 2,12). Wie geht das zusammen?

Die Frage ist nicht leicht. Vielleicht können wir ja in der Betrachtung mal von einem Blick auf ein gemeinsames Element aller Religionen ausgehen: davon nämlich, dass alle irgendwie von der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen ausgehen. Egal, welcher Religion wir angehören, wir empfinden alle irgendwie unsere eigene Unzulänglichkeit. Wenn wir uns selber das letzte Glück geben, ja machen, könnten, dann bräuchten wir keinen Gott und keine Offenbarung. Als Juden und Christen sagen wir: Gott hat uns geschaffen, damit wir gut sind und damit wir es „gut haben“. Die ursprüngliche Idee war, dass wir unser Leben gemeinsam mit Gott gestalten, der unsere Erfüllung ist. Die Sünde besteht eigentlich letztlich immer nur darin, dass wir uns irgendwie von Gott trennen, weil wir meinen, so gehe es uns besser – und dass wir dann immer wieder neu enttäuscht feststellen müssen: so gut geht es uns eigentlich gar nicht. Ich reiße einen Graben auf zwischen mir und Gott, und dann wundere ich mich, weshalb ich nicht so froh bin, wie ich das erhofft hatte.

Die befreiende Botschaft des Evangeliums ist dann die: Gott sagt eben nicht zu uns, „Sieh zu, wie du jetzt wieder hier auf die richtige Seite kommst und wie du den Graben überwindest“ – sondern er überbrückt ihn selbst, indem er Mensch wird und den Graben überwindet. Seine Sehnsucht treibt ihn dazu, zu uns zu kommen und nicht bloß nach uns zu rufen. Und diese Sehnsucht, diese Liebe Gottes überwindet tatsächlich jeden Graben!

Warum dann aber unsere Buße? Ganz einfach: weil uns der große Schritt Gottes nicht erspart, auch unseren kleinen zu tun. Liebe, die die Freiheit des anderen nicht respektiert, endet in der Vergewaltigung. Gott zwingt uns eben nicht.

Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten. (Offb 3,20)

Gott stürmt nicht in das Haus unseres Lebens und überfällt uns, sondern er respektiert unsere Freiheit und wartet darauf, dass wir ihn freiwillig aufnehmen. Die Tür öffnen wir durch unsere Umkehr. Durch unsere Hinkehr zu ihm – und nichts anderes ist Buße, meint die Bitte um Verzeihung.

Warum aber „mit Furcht und Zittern“? Man sieht, dem Apostel ist es ernst: allzu oft kommt uns das Wort „Entschuldigung“ doch viel zu leicht über die Lippen und manchmal ist es auch nicht mehr als eine einfache Floskel. Aber das ist natürlich keine Umkehr im eigentlichen Sinn. Umkehren heißt ja nicht, dass mir etwas Leid tut und ich dann weitermache wie bisher, sondern es heißt, dass ich überlege, wie ich in Zukunft diesen Fehler vermeide. Es heißt schlicht und einfach, ernsthaft zu versuchen, den richtigen Kurs in unserem Leben einzuschlagen und wirklich auf Gott zuzulaufen, der uns ja schon immer entgegeneilt. „Gott ist die Liebe“, das bedeutet für uns keinen Heilsautomatismus, sondern es ist der Grund unserer Hoffnung, dass Gott unsere manchmal kläglichen Schritte auf ihn zu sieht – und dann dorthin kommt, wo wir sind.

Es ist wahr: manchmal machen wir im Gebet sicherlich viele Worte und manchmal auch unsinnige. So ticken wir Menschen eben, wenn wir uns an den Unbegreiflichen wenden. Wir hoffen aber, dass Gott schon weiß, was wir ihm sagen wollen: „Ja, Herr, ich will. Tritt ein in das Haus meines Lebens und erfülle es mit der Freude deiner Gegenwart“.

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