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Ist der Karfreitag ein Trauertag? Auch wenn es klingt wie eine Fangfrage, die Antwort ist natürlich zunächst mal schlicht und einfach Ja. Im Mittelpunkt steht die Passion Christi, seine schreckliche und grausame Leidensgeschichte, der Kreuzweg mit seinen unendlichen Schmerzen und Demütigungen, und auch mit seinen menschlichen Enttäuschungen – Wenn wir nur mal an den Verrat des Judas oder den des Petrus denken. Nicht einmal die engsten seiner Freunde waren da in seiner letzten Stunde, nur vier Leute: Johannes und seine Mutter Maria, Maria Magdalena und eine „andere Maria“, so berichtet es das Johannesevangelium. – Jesus wird nicht nur grausam hingerichtet; er stirbt auch verlassen. Und das wirft ein schlimmes Bild auf den Menschen. Auf alle Menschen. Am Kreuz schauen wir auf die leidende Liebe eines verlassenen Gottes. Das Kreuz zeigt uns die Realität der Sünde.

Denn was ist Sünde anderes als die Abwendung von Gott? Wenn wir so im Alltag das Wort „Sünde“ hören, geht es entweder um Essen oder den Straßenverkehr. „Verkehrssünder“ übertreten Verkehrsregeln – Sünder im allgemeinen scheinen also ganz allgemein Regeln zu übertreten… Falsch! Denn dass es bei der Sünde gar nicht primär um irgendwelche Regeln geht, sehen wir oft gar nicht mehr. Das Kreuz Christi dagegen zeigt uns die Wirklichkeit, und zwar ganz ungeschminkt: es geht um Beziehung! Wer sündigt, kehrt sich ab von Gott. Und wer sich abkehrt von Gott, kehrt sich ab vom Leben, von der Erfüllung. Der heilige Augustinus hat den berühmten Satz geprägt:

Auf dich hin hast Du uns geschaffen, o Gott, und unruhig ist unser Herz bis es ruht in dir.

Auf dich hin hast du uns geschaffen, o Gott – wenn wir nicht auf dich hin leben, dann leben wir nicht auf das Leben und auf die Fülle zu, sondern auf den Tod, auf die Leere. Wo wir Menschen sündigen, wo wir uns abkehren vom lebendigen Gott, da tut sich ein Graben auf, ein Abgrund, den wir nicht mehr aus eigener Kraft überbrücken können. Die Gemeinschaft mit Gott, die wir einmal ausgeschlagen haben, können wir uns nicht selbst wieder nehmen, sondern die kann nur von Gott wiederhergestellt werden, als reines Geschenk.

Dass das kein leeres Geschwätz ist, zeigt sich, wenn wir mal ehrlich überlegen, wo wir vielleicht dem einen oder anderen Unrecht getan haben. Freunde, die wir hintergangen haben; Familienmitglieder, die wir vernachlässigt haben; Kollegen, die wir übervorteilt haben, oder was auch immer. Keiner von uns ist perfekt, jeder macht Fehler und wird schuldig. Und wir stellen in diesen Momenten fest: ich kann allein nicht alles wieder gut machen. Ich kann um Verzeihung bitten, ent-schuldigen kann ich mich selber nicht. Verzeihung, Entschuldigung, Versöhnung ist nie ein Produkt meiner eigenen Anstrengung, kann ich nicht selber machen; sie bleibt immer zutiefst Geschenk, das ich nur empfangen kann. Der Graben, den ich in einer Beziehung aufreiße, ist immer zu tief, als dass ich ihn allein wieder schließen könnte. Schuld und Sünde ziehen immer Leid und Einsamkeit nach sich, oftmals in Formen, die wir auf den ersten Blick nicht erkennen.
Das Kreuz Jesu zeigt uns diese grausame Realität der Sünde. Insofern ist der Karfreitag zurecht ein Tag der Trauer.

Zugleich aber ist das Kreuz für uns ein Zeichen der Freude: denn der Graben, den wir zwischen uns und Gott aufgerissen haben, er ist zwar tief – aber er ist überbrückt worden. Die Gemeinschaft, die für uns verloren war, ist wiederhergestellt worden – und zwar nicht, indem Gott uns wieder zu sich auf den Gipfel geholt hat, sozusagen, sondern indem er selbst zu uns ins Tal herabgestiegen ist. Gott hebt die Folgen der Sünde nicht einfach auf – er heilt die Wunden der Welt nicht mit einem Zaubertrick – sondern nimmt unsere Taten ernst. Aber er lässt uns dabei nicht allein, er lässt uns nicht im Stich. Das Kreuz, das eigentlich unser Kreuz ist, nimmt er auf seine eigenen Schultern. Bis in die letzte Qual des Todes hinein, in die letzte Gottesferne. Und erst als er diese letzte Gottesferne in Gottesnähe verwandelt hat, als er die Leere und Einsamkeit des Todes mit seiner Gegenwart erfüllt hat – erst da ruft er aus: „Es ist vollbracht“ (Joh 19,30). Die Erlösung ist vollbracht. Gott lässt uns nicht allein. Nie und nirgends. So ist uns das Kreuz Zeichen der Trauer und Zeichen der Freude zugleich.

Als römische Katholiken singen wir in der Fastenzeit nie Halleluja, sondern erst wieder in der Osterzeit, als Ruf der Freude. Die Christen der Ostkirche dagegen singen niemals so oft Halleluja wie in der Fastenzeit. So ticken sie eben – es ist die Dankbarkeit für die Erlösung, die sich hier ausdrückt. Und die können wir ruhig auch pflegen.

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