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Vor einigen Wochen hat Papst Benedikt XVI. einen Brief an den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz geschrieben, der seitdem für ziemliche Aufregung gesorgt hat. Es ging um eine Übersetzungsfrage. Seit elf Jahren gibt es auf der ganzen Welt Arbeiten an einer neuen Übersetzung des Messbuches in die verschiedenen Landessprachen.
Warum muss das nochmal gemacht werden, wenn es doch schon Messbücher in den verschiedenen Sprachen gibt? Das ist im Grunde ganz einfach, der Papst weist in seinem Brief darauf hin:

Da ich die liturgischen Gebete immer wieder in verschiedenen Sprachen beten muß, fällt mir auf, daß zwischen den verschiedenen Übersetzungen manchmal kaum eine Gemeinsamkeit zu finden ist und daß der zugrundeliegende gemeinsame Text oft nur noch von weitem erkennbar bleibt.

Ist das schlimm? Man könnte doch sagen: Hauptsache, die Texte klingen gut in der jeweiligen Sprache – warum muss denn überhaupt überall der gleiche Text für die Messe genommen werden? Um die Antwort zu verstehen, ist es wichtig, dass wir uns vor Augen führen, was die Liturgie denn eigentlich in ihrem innersten Wesen ist, und was sie eben nicht ist. Sie ist nicht – und sie ersetzt deshalb auch nicht – unser privates Gebet zu Gott, wenn wir unsere persönlichen Anliegen, Nöte und unsere Dankbarkeit vor Gott bringen. Das können und sollen wir mit unseren ganz eigenen Worten tun und in der Form, die wir für am besten halten. Liturgie ist dagegen, einfach gesagt, das Gebet der ganzen Kirche. Wenn wir die Liturgie feiern, wenn wir die Sakramente feiern, dann ist das nie eine Sache, die sich „nur“ zwischen uns und Gott abspielt, sondern was wir wirklich tun, ist folgendes: wir treten hinzu zur großen Liturgie der Kirche und deshalb ist auch die Liturgie die ständige Quelle der Einheit der ganzen Kirche. Selbst wenn wir im letzten Winkel der Welt zu dritt in einer Bambushütte die Messe feiern, ist es so. Wir klinken uns ein die eine große Messfeier der ganzen Kirche.
Dabei kennt die Kirche verschiedene, jeweils uralte, liturgische „Familien“, auch „Riten“ genannt.

Die liturgischen Überlieferungen oder Riten, die gegenwärtig in der Kirche im Gebrauch stehen, sind: der lateinische Ritus […], der byzantinische, der alexandrinische oder koptische, der syrische, der armenische, der maronitische und der chaldäische Ritus. (Katechismus der katholischen Kirche 1203)

Wir gehören als römische Katholiken zum lateinischen Ritus, das heißt zu der liturgischen Familie, die bis in die 60er Jahre hinein immer auf Latein die Messe gefeiert hat. Unsere Eltern und Großeltern haben das teilweise noch erlebt. Dann hat man – was ja schön ist – die Texte in die verschiedenen Sprachen übersetzt, damit alle auch verstehen konnten, was man da betet. So weit, so gut. Von hier aus versteht es sich dann wie von selbst, dass man bei der Übersetzung der Messtexte nun den allegrößten Wert darauf legt, so nah wie möglich am lateinischen Original zu bleiben, damit nach wie vor gewähleistet wird, dass wir auf der ganzen Welt wirklich genau das gleiche beten, wenn wir die Liturgie feiern. Ob ich in Köln oder in Rom, in Korea oder Peru zur Messe gehe, ich bin immer „zu Hause“, weil ich die Texte kenne, die man hier betet.

Als man damals die Texte in die Landessprachen übersetzt hat, hat man sich nicht immer ganz nah am Original orientiert, sondern aus theologischen oder sprachlichen Gründen versucht, die Texte etwas zu glätten. Und so kam es dann leider zu der Situation, die der Papst in seinem Brief anspricht: manchmal ist das Original nur noch „von weitem“ zu erkennen. Deshalb hat die Gottesdienst-Kongregation in Rom 2001 (so lange geht das jetzt schon!) darum gebeten, die bestehenden Übersetzungen zu überarbeiten, um die Texte wieder näher an die lateinische Originalfassung zu bringen. Und da gibt es dann natürlich allerhand Diskussionen.

Wo uns das besonders auffällt und auffallen wird, ist bei der Übersetzung der Wandlungsworte, wenn es um den Kelch und das Blut Christi geht. Da heißt es ja jetzt noch:

Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden.

Für euch und für alle. Der Papst bittet die Bischöfe jetzt darum, das Latein so zu übersetzen, wie es da steht (es heißt da pro multis) und deshalb zu sagen: für „euch und für viele vergossen wird“ – so wie es eben auch in der Bibel steht. Und genau das ist der Knackpunkt, hier hat sich der ganze Ärger jetzt entzündet. Der Papst ist sich bewusst, wie erschreckend das wirken muss:

Für den normalen Besucher des Gottesdienstes erscheint dies fast unvermeidlich als Bruch mitten im Zentrum des Heiligen. Sie werden fragen: Ist nun Christus nicht für alle gestorben? Hat die Kirche ihre Lehre verändert?

Das hat sie natürlich nicht. Der Papst wiederholt deshalb nochmal:

Daß Jesus Christus als menschgewordener Sohn Gottes der Mensch für alle Menschen, der neue Adam ist, gehört zu den grundlegenden Gewißheiten unseres Glaubens. Ich möchte dafür nur an drei Schrifttexte erinnern: Gott hat seinen Sohn „für alle hingegeben“, formuliert Paulus im Römer-Brief (Röm 8, 32). „Einer ist für alle gestorben“, sagt er im zweiten Korinther-Brief über den Tod Jesu (2Kor 5, 14). Jesus hat sich „als Lösegeld hingegeben für alle“, heißt es im ersten Timotheus-Brief (1Tim 2, 6). Aber dann ist erst recht noch einmal zu fragen: Wenn dies so klar ist, warum steht dann im Eucharistischen Hochgebet „für viele“? Nun, die Kirche hat diese Formulierung aus den Einsetzungs-Berichten des Neuen Testaments übernommen. Sie sagt so aus Respekt vor dem Wort Jesu, um ihm auch bis ins Wort hinein treu zu bleiben. Die Ehrfurcht vor dem Wort Jesu selbst ist der Grund für die Formulierung des Hochgebets.

Die Kirche kann sich die Worte Jesu nicht aussuchen, sondern sie muss sie in aller Demut empfangen und sich daran halten. Wir sind nicht Herren der Offenbarung, sondern dankbare Empfänger. Aus diesem Grund möchte der Papst, dass wir uns an die Worte halten, so gut es nur irgendwie geht. Und dieses Anliegen kann man nur unterstützen. In der Erklärungsnot sind wir eigentlich viel mehr, wenn wir uns bewusst an eine freiere Übersetzung halten – nicht so sehr, wenn wir dem Wortlaut folgen. Denn wenn wir anfangen, uns die Bibelstellen so „zurechtzuübersetzen“, dass sie uns nicht mehr stören, dann können wir gleich einpacken. Die Worte Jesu und der Bibel bleiben immer eine Herausforderung für uns, so ticken sie eben. Der Brief des Papstes ist eine tolle Hilfestellung, wie wir diese Worte tiefer verstehen können. Ihn hier ganz wiederzugeben, dafür reicht leider der Platz nicht mehr aus.

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