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Zuletzt wurde mir eine hochinteressante Frage vorgelegt, die sicherlich dem ein oder anderen immer wieder mal kommt, wenn wir in der Messe biblische Texte hören. Wie vertragen sich die vielen Grausamkeiten, die dort berichtet werden, mit unserem Verständnis von Gottes Liebe?

 Wenns irgendwann mal in das Programm passt, würde mich […] mal das Verhältnis zum AT interessieren bzw. wie geht man mit den Texten um. In der Schule dachte ich ich häts kapiert und mit den meisten Büchern habe ich ja kein Problem, aber warum diese blutrünstigen Geschichten? Wenn man mit den Geschichten nur etwas vermitteln wollte, warum dann so? Oder soll man gar glauben, dass Gott erstgeborene Ägypter in Ihren Häusern erschlagen lässt. Mir ist das in der Osternacht aufgefallen. Wir feiern, dass Christus für uns gestorben ist und hören in der gleichen Messe eine Geschichte in der Gott ein ganzes Heer auslöscht…

Ich will versuchen, die Frage mit einem Blick in den Katechismus der Katholischen Kirche (der oft mit der etwas unglücklichen Formulierung KKK abgekürzt wird – Anspielungen sind rein zufällig und stellen keinerlei inhaltliche Parallelen dar…). Der Katechismus stellt den Versuch dar, den Glaubensschatz der Kirche systematisch zu präsentieren und ist eine reiche Quelle für alle, die ihren Fragen zum Glauben auf dem Grund gehen wollen. Nr. 105 zitiert das Dokument des II. Vatikanischen Konzils über die Offenbarung. Dort heißt es ganz klar:

Denn die heilige Mutter Kirche hält aufgrund apostolischen Glaubens die Bücher sowohl des Alten wie des Neuen Testamentes in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen für heilig und kanonisch, weil sie, auf Eingebung des Heiligen Geistes geschrieben, Gott zum Urheber haben und als solche der Kirche übergeben sind (Dei Verbum 11).

Also doch?! Alles ist heilig, was da steht? Gott tötet die Erstgeborenen der Ägypter; Gott lässt mit der Sintflut die Menschen ertrinken; Gott metzelt ein Philisterheer nach dem anderen hin, weil seine lieben Israeliten alleine nicht klarkommen? Man könnte jetzt argumentieren: „Gott weiß schon, was er tut. Wenn Gott etwas macht, kann es ja nicht böse sein, denn er ist ja der Gute schlechthin. Für Gott gelten eben andere Maßstäbe als für uns…“ Das wäre noch nicht einmal grundverkehrt, denn die Weisheit Gottes übertrifft tatsächlich alle unsere menschliche Logik. Aber wenn wir nur so denken, dann können wir überhaupt alle Fragen an den Nagel hängen und alles ohne Nachzudenken abhaken – denn dann bringt menschliches Nachdenken doch nichts und unser Versuch, zu verstehen, muss immer in der Katastrophe enden. Diese Haltung ist so gängig, dass es dafür sogar einen eigenen Fachbegriff gibt: Fideismus. Glauben kann man nicht verstehen, nur annehmen. – Das allerdings war nie die Überzeugung der Kirche, so tickte sie nie.

Wir müssen also weiter überlegen. Wir sind nicht denkfaul, das ist seit jeher unsere Stärke! Was meinen wir also tatsächlich, wenn wir nach der Lesung „Wort des lebendigen Gottes“ sagen? Soll das heißen, dass das Gottes O-Ton ist. Als habe Gott gesagt: „Das können Sie alles senden…“? Das heißt es nämlich genau nicht. Ein weiterer Blick in den Katechismus hilft uns auf die Sprünge:

Der christliche Glaube ist jedoch nicht eine „Buchreligion“. Das Christentum ist die Religion des „Wortes“ Gottes, „nicht eines schriftlichen, stummen Wortes, sondern des menschgewordenen, lebendigen Wortes“ (Bernhard von Clairvaux). Christus, das ewige Wort des lebendigen Gottes, muß durch den Heiligen Geist unseren geist „für das Verständnis der Schrift „öffnen (vgl. Lk 24,45), damit sie nicht toter Buchstabe bleibe. (KKK 108)

Und das ist ein ganz entscheidender Punkt, der nie vergessen werden darf, wenn wir nicht christliche Fundamentalisten werden wollen. Es gibt nur ein einziges echtes und lebendiges Wort Gottes, nämlich Jesus Christus – die Worte der Bibel sind nicht genau so Wort Gottes, sondern sie sind eigentlich richtig verstanden immer nur inspirierte Worte über das echte Wort Gottes. Es gibt nicht einerseits die Bibel, die uns schon viel über Gott erzählt, und andererseits Jesus, der dann noch ergänzt, was zu kurz gekommen ist. Sondern alle Worte der Bibel finden ihre wahre Bedeutung immer nur und ausschließlich in Jesus. Nur insofern sie über Jesus sprechen und uns Jesus offenbaren, haben sie für uns eine Bedeutung. Alles, was darüber hinausgeht, ist zwar historisch interessant und aufschlussreich, aber nicht mehr theologisch. Das klingt leichter als es ist: denn im Einzelfall den sogenannten „christologischen Bezug“ herzustellen, ist nicht immer ganz leicht und erfordert immer neue Anstrengungen. Manche Texte sind schon auf den ersten Blick als bedeutsam zu erkennen im Hinblick auf Jesus (viele werden ja sogar im Neuen Testament deshalb sogar zitiert), aber manchmal muss man doch sehr tief graben, um etwas über den Gottessohn zu erfahren.

Zurück nun zu unserem Streitpunkt. Die Bibel ist ganz eindeutig, dass Gott das Heil aller Menschen will und das Tod und Unheil nur aufgrund der Sünde in der Welt Einzug gehalten haben, also nicht wirklich zum ursprünglichen plan Gottes gehört haben. Die Sünde ist es, die uns von Gott entfernt hat – und zwar leider alle, nicht nur die ersten Sünder. Das meinen wir mit dem Wort Erbsünde. „Sünde“ heißt von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes her „Trennung“, Trennung von Gott. Die ersten Sünder (egal wie sie hießen) haben einen folgenreichen Schritt unternommen: sie haben herausgefunden, was es heißt, von Gott getrennt zu sein. Es heißt nämlich, vom Leben und vom Glück getrennt zu sein. Und diese Erfahrung ist leider auf alle Menschen übergegangen, die danach kamen. Das ist sicher nicht leicht zu verstehen und auch traurig – aber die Tatsache ist sicher eine der eindeutigsten: wir brauchen uns nur in der Welt umzuschauen, und wir stellen fest, dass es so ist. Nirgendwo ist einfach alles gut. Dass es irgendwann mal gut war, sagt uns der feste Glaube an einen guten Schöpfergott.

Dieser Schöpfergott lässt nun die gefallene Menschheit nicht im Stich, sondern hilft ihr wieder auf. Wenn wir auf die Geschichte vom Auszug aus Ägypten schauen, dann scheint mir relativ deutlich zu sein, wo hier der Christusbezug liegt und deshalb auch der eigentliche Teil der biblischen Heilsbotschaft: nicht darin, dass Gott Kinder hinrichtet – sondern darin, dass er seinem Volk das Lamm schenkt, dessen Blut das Unheil abwendet. Wenn wir in der Messe „Lamm Gottes“ sagen, beziehen wir uns genau darauf: das Blut des Osterlammes wirkt so wie das Blut des Paschalammes; es führt zum Leben.

Kurz gesagt: wir werden die Bibel nie bis zum Ende verstehen können, weil wir Christus nie bis zu Ende verstehen. Das ist ja das schöne an unserem reichen Glauben: es gibt für jeden von uns und für alle, die nach uns kommen, immer noch die Möglichkeit, mehr über Jesus zu erfahren. Wir werden sicherlich immer wieder neue Dimensionen des Christusgeheimnisses lernen, wenn wir die Bibel immer unter dieser Perspektive lesen: was sagt uns das über Christus?

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