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Wer mal im Herbst eine kleine Wanderung durch den Wald gemacht hat, weiß, wie die Schuhe danach aussehen, nämlich voller Matsch und Dreck. Und wer noch ein bisschen bei Verstand ist, wird mit den verdreckten Schuhen nicht gleich ins Wohnzimmer stürmen und über den guten Perser laufen. Er wird sich zuerst die Schuhe ausziehen, um den Schmutz von draußen nicht in die Wohnung zu tragen.

Ersetzen wir jetzt den Weg durch den Herbstwald mit dem Weg durch unser Leben und die verschmutzten Schuhe durch unsere Seele, so können wir durchaus sagen: so ganz „clean“ wird wohl keiner von uns durchs Leben gehen. Zu viele Fettnäpfchen lauern uns auf, zu oft achten wir nicht so richtig auf jeden unserer Schritte, zu oft müssen wir feststellen: „Mist, da bin ich wohl schon wieder durch die eine oder andere Pfütze gelaufen!“ Im Klartext: wir Menschen machen Fehler, so ticken wir eben. Wir werden schuldig – und diese Schuld hinterlässt Spuren in uns, Wunden, die erst noch geheilt werden müssen, bevor wir den himmlischen Perserteppich betreten können. Diesen Heilungsprozess nennt die Kirche das Purgatorium, also den „Reinigungsort“, das sogenannte Fegefeuer.

Dabei geht es nicht darum, dass der rachsüchtige Gott uns noch eins auswischen will, bevor er uns denn endlich in den Himmel lässt. Gott ist barmherzig und empfindet sicherlich keine Freude daran, uns zu quälen. Aber er ist eben auch der Gerechte. Und wenn wir unser Leben im Licht dieser Gerechtigkeit betrachten, dann stellen wir schlicht und einfach fest: so ohne weiteres passen wir nicht zusammen. Wir schauen auf die vielen Momente unseres Lebens, in denen wir ungerecht und egoistisch waren, und wenn wir ganz ehrlich sind, macht uns das traurig. Es schmerzt. Eine Erfahrung, die die meisten sicherlich kennen. Tränen der Reue sind keine Freudentränen, aber es sind gute Tränen, denn sie heilen auch.

Die Reue ist, schon rein moralisch gesehen, eine Form der Selbstheilung der Seele, ja der einzige Weg zur Wiedergewinnung ihrer verlorenen Kräfte. Und religiös ist sie noch weit mehr: der natürliche Akt, den Gott der Seele verlieh, um zu Ihm zurückzukehren, wenn sich die Seele von Ihm entfernte (Max Scheler, Vom Ewigen im Menschen 33).

Himmel und Hölle sind Ausdruck von Gottes großer Liebe und seinem ebenso großen Respekt vor unserer Freiheit. Das Fegefeuer ist Ausdruck seiner Gerechtigkeit: in rückhaltloser Ehrlichkeit blicken wir auf unser Leben und bereuen den vielen Unsinn, den wir da gemacht haben. Je mehr wir „verbockt“ haben, desto schmerzlicher wird dieser Blick sein.

Als Petrus Jesus verraten hatte, wandte sich der Herr um und blickte Petrus an: „Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich“ (Lk 22,62) – ein Gefühl wie im Fegefeuer. Und so ein Fegefeuer erwartet vermutlich die meisten im Moment unseres Todes: Der Herr blickt uns voll Liebe an – und wir empfinden brennende Scham und schmerzliche Reue über unser böses oder auch „nur“ liebloses Verhalten. Erst nach diesem reinigendem Schmerz werden wir fähig sein, seinem liebenden Blick in ungetrübter himmlischer Freude zu begegnen (Youcat 159).

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